Christian Endres: Wolfszone

Geschrieben von Ralph Troppmann am Sonntag, 2. Juni 2024 in Literatur

Christian Endres: Wolfszone. Heyne, München 2024. ISBN: 978-3-453-27471-6, 510 Seiten

Joe Denzinger ist Privatdetektiv und sein neuester Auftrag verschlägt ihn aus Berlin in ein Kaff in Brandenburg. Die Umstände sind außergewöhnlich, die Chefin eines großen Drohnenherstellers vermisst ihre Tochter, die sich dort in einem Protestcamp aufgehalten hat. Ein Wolfsrudel soll erhalten bleiben, das möglicherweise durch eine anstehende politische Entscheidung in seiner Existenz bedroht ist. So weit noch normal, doch: die Drohnen sind Kampfdrohnen, die Wölfe sind durch Nanobots und Elektronikschrott mutierte, riesige Cyborgs. Und Brandenburg ist durch den Klimawandel stark betroffen, noch dazu kontrolliert die Bundeswehr das Gebiet.

So muss Joe erst einmal mehr oder weniger erfolgreich Kontakte knüpfen und Spuren suchen. Eine Reihe weiterer Akteure eröffnet parallele Handlungsstränge, die wie üblich im hinteren Teil des Buches zusammenlaufen. Als schon fast alles aufgegeben ist, kommt es zu großen Showdown.

Zu viel von der Handlung möchte ich gar nicht verraten, es ist schon ein ziemliches Paket, das der Autor hier zwischen zwei Buchdeckel packt. Das klassische Hardboiled-Privatdetektiv-Szenario in einem Near-Future-Umfeld, mutierte Cyberkreaturen, Klimawandel-Dystopie, Beziehungsthemen und Rassismus, sogar Reichsbürger/Prepper-Ansätze und gar der Versuch, die Bundeswehr im Stile amerikanischer Spezialkommandos darzustellen - das Grundkonzept der mutierten Wölfe ist gut und gefällt mir, doch so richtige Thriller-Spannung wollte bei mir nicht aufkommen, da hätte es nach meinem Gefühl locker die doppelte Seitenzahl gebraucht, um Schlüsselszenen ausführlicher zu beschreiben und den doch recht schablonenhaften Personen mehr Leben einzuhauchen.

Trotzdem nicht schlecht, ich hoffe mehr vom Autor lesen zu können.

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Edward Ashton: Antimatter Blues

Geschrieben von Ralph Troppmann am Sonntag, 2. Juni 2024 in Literatur

Edward Ashton: Antimatter Blues. Heyne, München 2024. ISBN: 978-3-453-32294-3, 381 Seiten

Der nächste Roman aus der Reihe um den Expendable Mickey7, also unseres Helden, der nur zu einem einzigen Zweck auf dem Raumflug und nun in der Kolonie dabei ist: die extrem gefährlichen Arbeitne machen, und wenn er dabei umkommt, durch seinen Klon ersetzt zu werden. Da diese Aufgabe naturgemäß unangenehm ist, hat Mickey auch gekündigt, was eigentlich nicht geht, aber mit etwas Geflunkere und einigen Einschränkungen geht das.

Nun geht etwas mit dem Reaktor schief, er explodiert zwar nicht, verliert aber einen großen Teil seines Brennstoffs. Daher soll Mickey die Antimateriebombe wieder Beschaffen, die er im letzten Buch bei den Aliens platziert hat. Eigentlich kein Problem, hat er sie doch selbst in der Nähe versteckt, doch da ist sie nicht mehr. Somit bleibt ihm nichts anderes übrig, als wieder mit den Aliens Kontakt aufzunehmen und die Bombe wieder zu finden. Dabei ergeben sich einige Verwicklungen, die beiden Lebensformen müssen lernen miteinander zusammenzuarbeiten und besonders an Mickey stellen sich einige Herausforderungen.

Das Konzept der Romanreihe fand ich schon beim ersten Teil gut, hier wird das in abgewandelter Form fortgesetzt. Das Buch liest sich wieder flüssig, auch wenn einige Wendungen in der Geschichte auftreten. Insgesamt finde ich es nicht bahnbrechend, aber ganz ok.

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F. Scott Fitzgerald: The Great Gatsby

Geschrieben von Ralph Troppmann am Sonntag, 2. Juni 2024 in Literatur

F. Scott Fitzgerald: The Great Gatsby. Black Dog & Leventhal Publishers, New York 2021. ISBN: 978-0-7624-9813-0, 204 Seiten

Einer der großen amerikanischen Klassiker, hier in einer Schmuckausgabe, der die Zeit der 1920er Jahre in Nordamerika wieder aufleben lässt. Hauptdarsteller ist Nick Carraway, der zufällig ein Haus neben dem von Jay Gatsby bezieht. Zuerst fallen ihm die ständigen, extravaganten Partys dort auf. Als er irgendwann auch eingeladen wird, lernt er seinen Nachbarn uns gleichzeitig den legendären Gastgeber kennen. Dessen Motive bleiben zunächst verborgen, doch schildert der Roman gut die Stimmung in den oberen Schichten zu dieser Zeit.

Später zeigt sich, dass das große Auftreten von Gatsby lediglich einem Ziel dient, seine Jugendliebe Daisy zu beeindrucken und zu gewinnen. Woher der dafür erforderliche Reichtum stammt, bleibt vorerst rätselhaft. Eine der Lehren am Ende ist wohl, dass sich nicht alle Sehnsüchte erfüllen lassen und dass man trotz Reichtum und Großzügigkeit einsam bleiben kann.

Der Roman gefiel mir aufgrund der Darstellung der Zeit und der Gesellschaft und zeigt einige interessante Wendungen. Die Schmuckausgabe enthält einige angemessene Bilder und ist sowohl vom Schriftbild, als auch von der Verarbeitung sehr hochwertig.

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Geschrieben von Ralph Troppmann am Samstag, 18. Mai 2024 in Literatur

Miles Cameron: Artifact Space. Heyne, München 2024. ISBN: 978-3-453-32306-3, 667 Seiten

Marca Nbaro hatte keine leichte Jugend, sie ist in einem Waisenhaus aufgewachsen und erhielt dort eine Aubildung zur Raumkadettin. Genaugenommen hat sie diesen Rang gar nicht mehr, doch mit etwas Hilfe durch einen Hacker wurden die notwendigen Dokumente angepasst und sie tritt ihren Dienst auf einem Großschiff an. Im Weltraum zu dienen ist nämlich schon immer ihr Traum.

Das Großschiff absolviert einen Rundkurs, an den einzelnen Stationen wird fleißig gehandelt - das ist nämlich der Hauptzweck: gewinnversprechender Handel. Am Wendepunkt der Rpute geht es um Xenoglas, ein Alienmaterial, auf dem die Wirtschaft basiert und das gute Gewinne verspricht. Doch der Weg dahin ist lange, und Marca ist als Pilotin sehr beschäftigt. Fliegen, lernen, fliegen, üben und wieder fliegen, schnell zeigt sich ihr Talent. Doch stets droht sie ihre Vergangenheit einzuholen. Während der langen Reise treffen erschreckende Nachrichten ein, ein anderes Großschiff, das dieselbe Route vor einiger Zeit begann, wurde vernichtet. Es enspinnt sich eine dramatische Geschichte, in der Marca im Mittelpunkt steht.

Ein rasant geschriebener Roman, der ständig zwischen den Versagensängsten und Heldentaten der Protagonistin hin- und herpendelt. Sie legt eine steile Entwicklung hin, sowohl dienstlich, wie auch im zwischenmenschlichen Bereich. Dass sie sich treu bleibt und zweifelt, macht sie so sympathisch. Der Autor wagt sogar ein interessantes Pronomen-Experiment. Die Entwicklung der Verschwörung und die unerwarteten Wendungen lassen das Buch bis zum Schluss spannend bleiben, nach meinem Empfinden hätte es gerne nich weiter gehen können. Mir hat es sehr gut gefallen und ich empfehle es gerne weiter.

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Juli Zeh: Corpus Delicti. Ein Prozess

Geschrieben von Ralph Troppmann am Sonntag, 28. April 2024 in Literatur

Juli Zeh: Corpus Delicti. Ein Prozess. btb, München 2010. ISBN: 978-3-442-74066-6, 264 Seiten

Die Protagonistin Mia Holl lebt in einer schönen Zukunft, sie hat einen interessanten Beruf und lebt in einem vorbildlichen Haus. Dank der "Methode" braucht keiner mehr unter Krankheiten leiden, alle Bürger leben gesund und das wird auch laufend vom Staat überwacht. In dieser vermeintlich heilen Welt kommt es zu einem Prozess gegen Mias Bruder Moritz wegen eines Verbrechens, er wird verurteilt und begeht im Gefängnis Selbstmord. Mia versucht darauf mit Hilfe eines Anwalts, seine Unschuld zu beweisen. Dabei gerät sie selbst in Gefahr, da der Nachweis eines Fehlurteils die Methode in Frage stellen würde. Im Verlauf durchschaut Mia das System und wird selbst zu dessen Zielscheibe.

Der Roman kommt mit wenigen Hauptpersonen aus und stellt eine dystopische Zukunft dar, deren Elemente aus bestehenden und vergangenen totalitären Systemen entliehen scheinen. Den Schreibstil fand ich gut lesbar, das Buch ist in viele kurze Kapitel unterteilt. Auch wenn einige der Charaktere zunächst schablonenhaft wirken, so ist doch gerade bei Mia eine Entwicklung erkennbar. Der Hauptberuf der Autorin als Verfassungsrichterin scheint inhaltlich uns stilistisch beim Lesen klar erkennbar durch.
Interessenten sollten möglichst erst einmal kurz hineinblättern, da es doch kein Mainstream-Thema ist.

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Timur Vermes: Er ist wieder da

Geschrieben von Ralph Troppmann am Sonntag, 10. März 2024 in Literatur

Timur Vermes: Er ist wieder da. Eichborn, Köln 2012. ISBN: 978-3-8479-0517-2, 396 Seiten

Das Buch lag schon so lange auf meinen "zu lesen"-Stapel, dass ich es zwischenzeitlich schon vergessen hatte. Doch nachdem ich es gelesen habe, wird es mich sicher noch etwas beschäftigen. Ganz ehrlich - so richtig sicher bin ich mir immer noch nicht, wie gut ich den Roman finden soll...

Zunächst zur Geschichte, die ist eigentlich schnell erzählt: Adolf Hitler erwacht in einem Hinterhof in Berlin, im August 2011! Wie er dorthin kam und warum er jetzt wieder lebt, bleibt unbekannt, das ist für die Geschichte eigentlich auch gleichgültig. Auf der Suche nach der Reichskanzlei macht er erste verstörende Kontakte zu ein paar Jugendlichen, die er für Hitlerjungen hält, deren Sprache ihn aber irritiert. Kurz darauf erkennt er an einem Kiosk beim Studium der Bild-Zeitung, dass es 2011 ist, worauf er erst einmal ohnmächtig wird. Wieder zu sich gekommen, erfährt er vom Kioskbetreiber und aus den Zeitungen den aktuellen Stand "im Reich". Zunächst darf er im Kiosk übernachten, durch seine Uniform und sein Auftreten erregt er jedoch schnell Aufmerksamkeit. Da das alle als sehr überzeugende Comedy verstehen, wird er von einer Comedy-Show mit Ali Wizgür als Sidekick engagiert - ja, an vielen Stellen des Textes wird es sehr komisch, ich musste immer wieder lachen. Durch sein "Talent" erhält er immer mehr Aufmerksamkeit und wird zum YouTube-Star.

Der Text liest sich sehr flüssig und ist satirisch überspitzt geschrieben - "er" könnte vielleicht so ähnlich gewesen sein, völlig überzeugt und wenig an Nebensächlichkeiten interessiert. Die sind immer wieder eingeflochten, etwa die Frage, wozu der Führer einen Personalausweis braucht, darum hätte sich früher schließlich Borrmann gekümmert. Doch was mich etwas zweifeln lässt, und das hat der Autor vermutlich auch genau so beabsichtigt, ist die Einfachheit mancher Argumentation, die durchaus nachvollziehbar erscheint. Die Presse handhabt er (auch ohne Schlägertrupps wie früher) geschickt, ebenso wie gegen Ende die politischen Parteien. So ähnlich mag das damals vielleicht auch gewesen sein, und nicht einmal wiederwillig springen da einige auf. Völlig überzeichnet jedoch, so stellt sich kurz die Frage, ob nicht Die Grünen für ihn die passende Partei wäre, bis er seine Partei wieder aufbauen kann (die NPD hat er als Haufen Waschlappen erkannt).

Rein als humorvoller Roman betrachtet, musste ich beim Lesen immer wieder schmunzeln. Historische Kritik kommt nur in Spuren vor, etwa in Form von Oma Krömeier, einer Holocaust-Überlebenden. Wenn es neben der Komik noch unbewusst zum Nachdenken anregt, hat man gleich noch einen guten Nebeneffekt. Das Buch kann ich empfehlen, den Film kenne ich noch nicht.

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Nikki Erlick: Die Vorhersage

Geschrieben von Ralph Troppmann am Sonntag, 25. Februar 2024 in Literatur

Nikki Erlick: Die Vorhersage. Heyne, München 2022. ISBN: 978-3-453-32244-8, 477 Seiten

Der Roman spielt in der Gegenwart und beginnt mit einem ganz ungewöhnlichen, aber zunächst erst einmal unspektakulären Ereignis: vor der Tür eines jeden Menschen auf der Erde liegt eine kleine Holzkiste. Darauf steht der jeweilige Name und ein Hinweis, dass der Inhalt das "Maß deines Lebens" beinhalte. Wer die Kiste öffnet, findet einen Faden. Die Länge des Fadens, so stellt sich mit der Zeit heraus, stellt die Länge des LEbens des Empfängers dar.

Die Geschichte entwickelt sich um einige wenige Personen, eine Lehrerin, eine Journalistin, zwei angehende Offiziere, einen Arzt und einige weitere. Manche haben einen kurzen Faden und damit eine kurze Lebenserwartung, manche einen langen Faden und manche öffnen die Kiste einfach gar nicht. Die Autorin beschreibt recht einfühlsam, wie die einzelnen Menschen mit ihrem Schicksal umgehen. Auch die gesellschaftlichen Auswirkungen werden beschrieben, in Form eines Entwurfs, wie es in so einem Fall vielleicht wirklich geschehen würde. So versucht ein skrupelloser Politiker die Spaltung zwischen Kurzsfaden und Langfaden zu vertiefen und für seine Zwecke zu nutzen.

Für mich ein lesenswertes Buch, flüssig geschrieben und in kurze Kapitel unterteilt, das mich über die Frage nachdenken lässt, ob ich meine Lebensdauer wissen wollen würde und wie ich mit diesem Wissen umgehen würden.

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Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse

Geschrieben von Ralph Troppmann am Sonntag, 21. Januar 2024 in Literatur

Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse. Heyne, München 2021. ISBN: 978-3-453-42401-2, 456 Seiten

Der Roman handelt von Kya Clark, die in sehr einfachen Verhältnissen in einem Sumpfgebiet an der Ostküste der Vereinigten Staaten in den 1950ern aufwächst. Der Vater trinkt und ist oft nicht da, die Geschwister und schließlich auch die Mutter verlassen nach und nach die Familie. Kya schlägt sich alleine durch, was durch die Vorurteile der meisten Bewohner der nächstgelegenen Ortschaften nicht einfacher wird. Dort haben die meist sehr armen Bewohner des Marschgebiets den schlechten Ruf als Sumpfpack. Doch einzelne sind trotzdem sehr freundlich und hilfreich, etwa Jumpin', der in dieser Zeit selbst unter Ausgrenzung leidet. Kya schlägt sich durch und lernt durch ihre intensive Beobachtungen der Pflanzen und Tiere sehr viel über die Natur und deren Zusammenhänge. 

Irgendwann kommt es zum Tod von Chase Andrews, dem Sohn einer geachteten Familie eines der Küstenorte in der Nähe. Schnell gehen Gerüchte um, die einen Mord durch Kyas Hand unterstellen. Als die Polizei in diese Richtung ermittelt, kommt es zu einer Gerichtsverhandlung, der Ausgang ist mehr als ungewiss.

Das Buch finde ich sehr mitfühlend geschrieben, durch die bildhaft nachvollziehbar beschriebene Landschaft fühlt man sich sehr schnell heimisch. Die Geschichte beschreibt eindrucksvoll die Entwicklung von Kya und geht auch auf die Schwierigkeiten ein, der trinkende Vater, die Familienmitglieder, die sie nach und nach verlassen, die Zurückweisung durch die Dorfbewohner, einzelne Versuche einer vertrauten Beziehung und das Erleben der Natur. Und trotz der nahen Schilderung bleibt ein Rest an Geheimnissen, dieser Zwiespalt macht das Buch erst recht interessant.
Ich kenne ausschließlich positive Bewertungen zu dem Buch und kann mich dem nur anschließen.

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Jürgen Ehlers: Sturm in die Freiheit

Geschrieben von Ralph Troppmann am Samstag, 9. Dezember 2023 in Literatur

Jürgen Ehlers: Sturm in die Freiheit. Heyne, München 2021. ISBN: 978-3-453-47178-8, 396 Seiten

Wolf Littke ist Kommandant eines deutschen U-Boots im zweiten Weltkrieg. Dort setzt er sich über Befehle hinweg, indem er Schiffbrüchige eines von ihm versenkten Schiffes rettet, was vom Oberkommando verboten wurde. Später wird sein Boot versenkt, doch er überlebt und kommt in britische Gefangenschaft. Dort bekommt er das Angebot, statt der Vollstreckung des Todesurteils auf eine Mission in Deutschland zu gehen. Dort soll er Hitler töten und dadurch den Krieg verkürzen. Er nimmt das Angebot an und wird zusammen mit drei weiteren, sehr unterschiedlichen Männern, für den Einsatz ausgebildet.

Als die Gruppe per Fallschirm in Deutschland landet, wollen sie einen Anschlag in der Wolfsschanze, einem der Hauptquartiere Hitlers vorbereiten. Man erfährt, dass parallel das bekannte Stauffenberg-Attentat geplant und vorbereitet wird. Wolf kommt aus der Gegend und nimmt Kontakt zu seinen Eltern auf, um Unterschlupf und Hilfe zu bekommen. Er erfährt, dass er Vater geworden ist, doch seine Freundin hat zwischenzeitlich einen anderen geheiratet.

Die Vorbereitungen zum Attentat schreiten voran, doch Hitler ist nicht hier, er weilt auf dem Obersalzberg. Während des Wartens versucht einer der Männer, seine Schwester aus einem Konzentrationslager zu befreien, ein weiterer nimmt Kontakt zu Partisanen auf. Das Attentat kann dann im letzten Moment doch nicht wie geplant ausgeführt werden, die Männer müssen fliehen. 

Der Roman verbindet Fiktion und tatsächliche Situationen, Personen und Orte miteinander. Die Motivation einzelner Personen wird gut beschrieben, einiges bleibt aber auch der Fantasie des Lesers überlassen. Es gibt einige kleinere Nebenstränge, etwa mit Wolfs Bruder, die zur Atmosphäre einer wirren Zeit beitragen. Auch die Darstellung der NS-Größen und deren oft auch privater Motive gibt dem Roman einige Tiefe, wobei ich mir nicht sicher bin, was davon wirklich so gewesen sein könnte oder was frei erfunden ist.

Insgesamt ein spannendes Buch, auch wenn das Thema (KZs, Widerstand) stellenweise durchaus sensibel ist. Manche Stellen hätte der Autor noch weiter ausbauen können.

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Arne Molfenter: Operation Doppeltes Spiel: Wie zwei Agenten den Sieg über Nazi-Deutschland retteten

Geschrieben von Ralph Troppmann am Samstag, 9. Dezember 2023 in Literatur

Arne Molfenter: Operation Doppeltes Spiel: Wie zwei Agenten den Sieg über Nazi-Deutschland retteten. Herder, Freiburg 2023. ISBN: 978-3-451-39582-6, 252 Seiten

Aus Romanen und Filmen hatte ich mir das Leben von Agenten immer sehr actiongeladen vorgestellt, daher habe ich das bisher zwar als gute Unterhaltung gesehen, aber nie für ganz Ernst genommen.
In dem vorliegenden Buch werden nun viele Episoden der realen Agententätigkeit von zwei Personen beschrieben, die im Zweiten Weltkrieg als Doppelagenten für Deutschland und die Alliierten tätig waren. Wichtiger Aufhänger ist dabei, dass besonders einer davon einen ausschweifenden Lebensstil pflegt, der sogar des erfundenen Filmhelden James Bond in den Schatten stellen würde. Dessen Schöpfer, Commander Ian Fleming vom britischen Militärnachrichtendienst, mag sich davon durchaus inspirieren haben lassen, war mit der Arbeit eines dieser Agenten gut vertraut.
Das Buch ist chronologisch gegliedert und stellt von der Entscheidung, als Agent tätig zu werden, über den Weg zum Doppelagenten und diverse Einsätze bis hin zum Ende des Krieges und sogar die Zeit danach viele Begebenheiten und Details dar. Ein großer Teil ist mit Quellen belegt, sodass es sich einerseits um ein spannend zu lesendes Buch handelt, das andererseits die wahren Abläufe soweit möglich sehr gut beschreibt. 
Für mich war es aufschlussreich, dass Agenten gar nicht bewaffnet unterwegs sind und das ein enormer psychischer Druck auf ihnen lastet: eine falsche Aussage kann das Leben kosten, und man muss ständig mehrere Versionen im Kopf haben und zur richtigen Zeit der richtigen Person glaubhaft vermitteln.
Die Tätigkeit der Agenten läuft auf ein großartiges Manöver zu, nämlich der deutschen Seite eine viel größere Invasionsarmee an anderen Orten weiszumachen, als tatsächlich für den wirklichen D-Day geplant ist. Damit verschaffen sich die Alliierten einen möglicherweise entscheidenden taktischen Vorteil.
Das alles finde ich sehr gut dargestellt, einzig den ungeklärte Verbleib eines der beiden Agenten nach dem Krieg fand ich etwas unbefriedigend - doch dieses Schicksal erlitten sicher auch noch viele andere, dass der Verbleib in den Schrecken und Wirren dieser Zeit nicht mehr geklärt werden konnte.
Mir gefiel das Buch sehr: Umfang, Tiefe und Schreibstil fand ich sehr ausgewogen.

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Vernor Vinge: Rainbows End

Geschrieben von Ralph Troppmann am Samstag, 2. Dezember 2023 in Literatur

Vernor Vinge: Rainbows End. Tor, New York 2006. ISBN: 978-0-312-85684-7, 364 pages

Die Geschichte spielt in der näheren Zukunft und zeichnet eine fortgeschritten digitalisierte Gesellschaft, die aber auch gespalten ist. So sind die Menschen unterschiedlich stark vernetzt, einige tragen entsprechende Kleidung als Koppler, andere wiederum sind quasi offline. Die digitalen Hilfsmittel entsprechen einer fortschrittlichen Version dessen, was hier heute Augmented Reality nennen. 
Technologisch ist die Menschheit auch schon so weit, schwere Krankheiten zu heilen, etwa Alzheimer, die Ergebnisse hängen aber auch am dafür betriebenen Aufwand. So erwacht einer der Protagonisten aus dem geheilten Alzheimer-"Nebel" und besucht, zusammen mit anderen Geheilten, aber auch jugendlichen Schülern eine Schule. Dort lernen die Älteren mit der modernen Technologie umzugehen und arbeiten mit den Jugendlichen an gemeinsamen Projekten. Das bleibt nicht ohne Anpassungsschwierigkeiten, etwa von früheren Professoren, die gegenüber dem voll vernetzten Leben und Lernen skeptisch sind.

Die Geschichte spinnt sich um Intrigen und Spionage, getrieben von Mächten, die im Verlauf der Geschichte erst nach und nach klarer werden. 
Für mich persönlich war die Geschichte selbst gar nicht einmal so spannend, vielmehr hat mich die interessante Story um die virtuelle oder verstärkte Realität fasziniert, und wie verschiedene Personen damit umgehen. Auch die Skizzierung der Macht, die einzelne Personen oder Organisationen besitzen und welchen Einfluss diese auf die ganze Welt ausüben können, fand ich spannend zu lesen. Thematisch sehe ich eine gewisse Nähe zu Neuromancer, ohne dass dies dem Umfang dieser Geschichte gerecht würde, da steckt noch einiges mehr drin. Für Interessierte an entsprechender aktueller Technologie und deren mögliche Weiterentwicklung sicher ein empfehlenswertes Buch.

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Christian Bommarius: Im Rausch des Aufruhrs. Deutschland 1923

Geschrieben von Ralph Troppmann am Sonntag, 17. September 2023 in Literatur

Christian Bommarius: Im Rausch des Aufruhrs. Deutschland 1923. dtv, München 2022. ISBN: 978-3-42335202-4, 344 Seiten

Kein Roman, eher eine geschichtliche Reportage, aus meiner Sicht sehr lesenswert, durch die Unterteilung in einzelne Monate auch gut zwischendurch in kürzeren Abschnitten konsumierbar.

Es geht um die Ereignisse und wichtige Personen des Jahres 1923 in Deutschland. Aufflammender Nationalismus und extreme politische Strömungen, darunter auch Adolf Hitler, die beginnende Hyperinflation, Nachwirkungen des verlorenen ersten Weltkriegs mit den Spannungen gegenüber Frankreich, exzessives Nachtleben in Berlin und viele weitere Themen machen dieses Jahr besonders interessant. Der Autor gliedert nach Monaten, jedes dieser Kapitel leitet er mit zwei zeitgenössischen Fotografien und erläuterndem Text ein, dazu noch ein einseitiger Abriss der Ereignisse dieses Monats. Als Konstante (oder gerade Nicht-Konstante) nennt er den aktuellen Brotpreis, was für mich den Wahnsinn der Hyperinflation sehr plastisch werden lässt.

In den Kapiteln begegnen wir immer wieder bestimmten Personen, von Künstlern bis zu späteren NS-Größen, und lernen über deren Leben und Wirken. Naturgemäß ist es bei einem Buch von diesem Umfang nur möglich, einen ganz kleinen Ausschnitt zu zeigen, doch gelingt das dem Autor aus meiner Sicht recht gut. Gerade diesen regelmäßigen Perspektivenwechsel finde ich spannend, von der politischen Ebene des Staates bis hinunter zu bekannten Künstlern, die ihre Miete nicht mehr bezahlen können.

Zum Abschluss erfahren wir, was mit den beschriebenen Personen weiter geschah und eine umfangreiche Quellensammlung ermöglicht das Vertiefen einzelner Themen. 
Mit gefällt das Buch. Das Jahr 1923 fand ich vorher schon interessant, jetzt habe ich mehr Hintergrund dazu und der Blick in die Vergangenheit hilft mir immer wieder beim Einordnen der aktuellen Entwicklungen.

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Julian Gough: Connect

Geschrieben von Ralph Troppmann am Freitag, 18. August 2023 in Literatur

Julian Gough: Connect. C. Bertelsmann, München 2019. ISBN: 978-3-570-10297-8, 619 Seiten

Colt ist ein junger Mann, der im Nevada der nahen Zukunft bei seiner Mutter lebt. Er verbringt seine Tage überwiegend in einer virtuellen Spielwelt, wo er spielt, aber auch das System weiterentwickelt. Mit der Interaktion mit anderen Menschen hat er ohnehin seine Schwierigkeiten, dafür hat er virtuell umso größere Erfolge. Seine Mutter Naomi ist Neurowissenschaftlerin und lebt getrennt von Colts Vater, der beim Geheimdienst tätig ist.
Naomi hat Erfolge bei Ihrer Forschung, will diese jedoch nicht veröffentlichen. Colt hingegen bringt sie dazu, an einem Kongress ihre Ergebnisse vorzustellen. Diese sind jedoch so brisant, dass der Geheimdienst alles versucht, die Veröffentlichung zu verhindern, da sie die nationale Sicherheit in Gefahr sehen. 
Colt nimmt an sich schließlich heimlich ein Experiment mit diesen Forschungsergebnissen vor, um sich selbst zu verändern.
Darauf beginnt ein wildes Spiel zwischen Colt, seiner Mutter, seinem Vater und dem Geheimdienst und einer von diesen initiierten künstlichen Intelligenz. 

Die Geschichte fand ich sehr mitreißend, da sie auch so viele Aspekte besitzt. Es geht um Hacker, Biotechnologie, geheimdienstliche Überwachung, unkontrollierte Macht einzelner Regierungsstellen, aber auch um Erotik und persönliche Entwicklungen. Alles ist gut miteinander verwoben und die Geschichte entwickelt sich rasant auf einen großen Show-down zu. Ergänzt wird der Roman mit passenden Zitaten zu Beginn einzelner Kapitel.
Von mir 100 Punkte, der Autor hat mich begeistert.

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Christopher Ruocchio: Der Thron der Sonne

Geschrieben von Ralph Troppmann am Sonntag, 23. Juli 2023 in Literatur

Christopher Ruocchio: Der Thron der Sonne. Heyne, München 2023. ISBN: 978-3-453-31830-4, 1149 Seiten

Christopher Ruocchio hat sich mit der Sonnenfresser-Saga einen Platz in der Liste meiner Lieblings-Autoren gesichert. Schon der erste Teil, Imperium der Stille, gefiel mir sehr gut, die Erzählweise finde ich absolut mitreißend, die Dimensionen des Imperiums, aber auch der Zeitskalen bringt er aus meiner Sicht sehr plastisch nahe.

Hier nun im dritten Teil, Thron der Sonne, entwickelt sich der Kampf des Imperiums gegen die Alienrasse der Cielcin auf eine ganz hohe Stufe. Aber auch im Imperium bewegt sich einiges, ein Teil des Buches beschäftigt sich mit den Geschehnissen am Hof des Imperators, wo unser Held Hadrian Marlowe aufgrund seiner Erfolge einige Zeit verbringt. Er wird zu einer Art Vertrauten des Imperators und mit einem besonderen Auftrag betraut.

Die Geschichte fand ich wieder unheimlich spannend und durchaus einfühlsam geschrieben. Es kommen große Ereignisse und Schlachten vor, aber auch beinahe belanglose Ereignisse, die uns den Helden aber dennoch auf einer persönlichen Ebene näher bringen und besser verstehen lassen.

Ich freue mich sehr, dass bereits zwei weitere Bände vorliegen und ein Teil 6 angekündigt ist.

 

 

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Guido Morselli: Dissipatio humani generis

Geschrieben von Ralph Troppmann am Sonntag, 11. Juni 2023 in Literatur

Guido Morselli: Dissipatio humani generis. Suhrkamp, Berlin 2021 (1977). ISBN: 978-3-518-22529-5, 188 Seiten

Dissipatio humani generis, die Auflösung des Menschengeschlechts, oder Die Einsamkeit - ein bedeutungsvoller Titel, der mich, auch nach einigen Empfehlungen, neugierig gemacht hat. Vor einigen Monaten hatte ich über den Roman "Die letzte macht das Licht aus" berichtet, worin in kurzer Zeit alle Menschen sterben, bis auf die Erzählerin. Hier passiert etwas ähnliches, doch hier verschwinden alle Menschen plötzlich vollständig, bis auf den Erzähler.

Unser Erzähler lebt in den Schweizer Bergen, er ist vor der Menschheit geflohen und lebt abgeschieden. Er will seinem Leben ein Ende setzen und begibt sich dazu in eine bestimmte Höhle, damit er nicht gefunden wird. Er lässt von seinem Vorhaben ab und geht zurück in seine Wohnung. Dort fällt ihm auf, dass die anderen Menschen in seiner Umgebung verschwunden sind und die Natur bereits beginnt, sich wieder auszubreiten.

Nach und nach stellt unser Erzähler fest, dass nicht nur sein direktes Umfeld betroffen ist, sondern vielleicht die ganze Welt. Er beginnt darüber zu philosophieren. Würde es einen Unterschied machen, ob es keine Menschen mehr auf der Welt gäbe oder vielleicht noch auf einer pazifischen Insel, man könnte sich aber nicht erreichen? 

Neben täglichen Dingen zu erledigen, die das Überleben sichern, denkt der Erzähler auch viel über seine Situation nach. Dabei schweift er zuweilen recht philosophisch ab, elementare Lateinkenntnisse helfen an der einen oder anderen Stelle, noch mehr vom Text mitzunehmen.

Für mich ein eher ungewöhnliches Buch, gerade mit der Roman- und auch der wirklichen Lebensgeschichte des Autors. In einem Nachwort wird darauf eingegangen. Für mich gut zu lesen, stellenweise war es mir aber doch fast zu philosophisch.

 

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