Diane Cook: Die neue Wildnis

Geschrieben von Ralph Troppmann am Sonntag, 16. Oktober 2022 in Literatur

Diane Cook: Die neue Wildnis. Heyne, München 2022. ISBN: 978-3-453-32158-8, 542 Seiten

Das Buch pendelt für mich zwischen Utopie und Dystopie, vermutlich wie im richtigen Leben. Dabei passt es überraschend gut in manch aktuelle Stimmung mit Energie- und Klimakrise und politischen Krisen.

Das Szenario ist interessant: eine Gruppe von 20 Menschen wird in naher Zukunft in einem amerikanischen Nationalpark gebracht, um dort zu (über-)leben. Dabei soll erforscht werden, welchen Einfluss das auf die Natur und die Menschen hat. Unterstützung von Außen gibt es praktisch keine, lediglich zu den Nationalparkrangern gibt es sporadischen Kontakt, wenn diese Anweisungen und seltene Post überbringen.

Von den mitgebrachten Hilfsmittelt hält kaum etwas lange, nach und nach werden Kleidung, Nahrung und Werkzeuge aus natürlichen Quellen hergestellt. Die Kenntnisse und Fähigkeiten dazu müssen die Menschen der Gruppe erst entdecken und erlernen. Dabei kommt es zu Opfern durch Hunger, Krankheiten, Abstürze. Mit einer solchen, anfangs für mich etwas verstörenden Situation, beginnt das Buch. Doch man kommt schnell hinein und ich konnte mich mit einzelnen Mitgliedern der Gruppe identifizieren,

Immer wieder wird die nahezu urzeitliche Lebensweise der Gruppe unterbrochen, etwa durch Ranger, die mit dem Jeep durch die Wildnis fahren oder Überwachungsdrohnen. Dadurch wirkt die Situation zuweilen surreal, was die Autorin vermutlich genau so erreichen wollte. Gegen Ende treten Einflüsse von außerhalb des Nationalparks auf, die den weiteren Weg der Gruppe entscheiden. Diese ist nicht völlig autonom in ihren Entscheidungen und zum Schluss fühlte ich mich an die Situation indigener Völker nach dem Kontakt zur Zivilisation erinnert.

Ein interessantes Buch, das nachdenklich macht.

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Neal Stephenson: Amalthea

Geschrieben von Ralph Troppmann am Sonntag, 16. Oktober 2022 in Literatur

Neal Stephenson: Amalthea. Goldmann, München 2018. ISBN: 978-3-442-48642-7, 1055 Seiten

Mal wieder ein ordentlicher Schmöker von einem meiner Lieblingsautoren (sein Cryptonomicon rangiert unter meinen Top 3). Auch in diesem Buch ist sein naturwissenschaftlicher Hintergrund klar erkennbar, alles wirkt gut recherchiert und ausgearbeitet, es könnte alles so passieren.

Die Geschichte beginnt vergleichsweise unspektakulär, der Mond wird von einem unbekannten Himmelskörper getroffen und zerbricht in mehrere Teile. Nach dem ersten Schrecken scheint sich die Situation aber zu normalisieren. Bis einem Wissenschaftler klar wird, dass nicht mehr aufzuhaltende Ereignisse eintreten werden: die Teile des Mondes werden kollidieren, dabei weiter zerbrechen und dadurch noch häufiger zusammenstoßen bis sich das recht schnell exponenziell steigern wird. Durch den daruch ausgelösten Schauer an Gesteinskörpern wird es auf der Erde recht ungemütlich werden.

Als sich diese Erkenntnis durchsetzt, arbeitet die Menschhait zusammen an einem Plan, das die Menschheit in einem Archen-Projekt im Weltraum retten soll. Da jedoch nicht alle gerettet werden können, beschränkt man sich auf wenige auserwählte Personen und eine große Genbank. Um den Risiken im Weltraum zu trotzen, wird die Arche verteilt angelegt, um einzelne Ausfälle kompensieren zu können. Doch auch dieser gute Plan droht zu scheitern.

Stephenson holt hier groß aus, die Geschichte spannt sich über tausende Jahre und birgt einige überraschende Wendungen. Doch die Menschheit schafft es, so viel sei verraten, zu überleben - wenn auch anders, als geplant. Für mich gut und spannend zu lesen, trotz des Umfangs von über 1000 Seiten. Eine klare Empfehlung von mir, vor allem aufgrund der Erkenntnis, dass selbst epische Menschheitsprojekte doch auch 'nur' von Menschen ausgeführt werden, die auch weiterhin ihre Eigenheiten haben.

 

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Cheryl Strayed: Der große Trip

Geschrieben von Ralph Troppmann am Sonntag, 16. Oktober 2022 in Literatur

Cheryl Strayed: Der große Trip. Goldmann, München 2014. ISBN: 978-3-442-15812-6, 444 Seiten

Ein Reisebericht. Nein, ein Buch über die Entwicklung der Autorin. Nein, auch nicht ganz. Irgendwie beides.

Cheryl Strayed schrieb dieses Buch über ihre Wanderung auf dem Pacific Crest Trail, einem Fernwanderweg im Westen der USA, den sie zum Teil durchwanderte. Dabei springt sie immer wieder in der Zeit zurück, zu ihrer Kindheit und der Krankheit ihrer Mutter. Nach deren Tod und einer gescheiterten Ehe sowie allgemeiner Sinnsuche fasste sie den Entschluss zu dieser Wanderung. 

Aus meiner Sicht vermag sie gut ihre Motivation für diese Reise zu beschreiben, auch wenn die häufigen Rückblenden für mich den Lesefluss immer wieder unterbrachen. So ist mir immer noch nicht klar, welche Art von Buch ich hier vor mir habe. Doch passt es auch irgendwie wieder zusammen, das eine führt zum anderen. Durch das Einlassen auf den Trail und die Menschen, die auf ihm wandern verarbeitet sie ihre Vergangenheit. Sie steht immer wieder neuen Herausforderungen gegenüber, die sie nicht zuletzt mithilfe von mitgenommenen Büchern bezwingt. Die gelesenen Seiten verbrennt sie übrigens, um Gewicht zu sparen, aber vermutlich auch symbolisch, um die Vergangenheit abzuschließen.

Für mich ein trotz vieler Rückblenden ein lesenswertes Buch, das sich zu einem Klassiker für alle entwickelt hat, die auch mit dem Gedanken an eine längere Wanderung spielen.

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Arkadi & Boris Strugatzki: Stalker

Geschrieben von Ralph Troppmann am Sonntag, 4. September 2022 in Literatur

Arkadi & Boris Strugatzki: Stalker. Heyne, München 2021 (1972). ISBN: 978-3-453-32101-4, 397 Seiten

Ein schöner Roman, der trotz seines Alters von 50 Jahren aus meiner Sicht immer noch gut in die Zeit passt.

Es sind Außerirdische auf der Erde gelandet, aber auch schon wieder verschwunden. Jedoch haben Sie die Orte, an denen sie waren, nicht unberührt hinterlassen. Dort finden sich allerlei sonderbare Dinge. Die Gebiete sind abgesperrt und werden erforscht, was wagemutige Stalker nicht davon abhält, in diese Zonen einzudringen und einzelne dieser sonderbaren Objekte zu bergen, um sie später zu verkaufen.

Red Shewhart ist Laborassistent, im Geheimen aber auch einer dieser Stalker. Auf seinen abenteuerlichen Trips in die Zone passieren seltsame Dinge, definitiv nicht ungefährlich. Er will seine Familie ernähren, ist aber auch auf der Suche nach einem besonderen Artefakt.

Der Schreibstil ist eher unaufgeregt, was aus meiner Sicht die Spannung bei der Schilderung der Ausflüge in die Zone noch verstärkt. Der Verlag liefert noch einiges Hintergrundmaterial in einem Vorwort und einem Anhang mit.

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Christine Thürmer: Weite Wege wandern

Geschrieben von Ralph Troppmann am Sonntag, 4. September 2022 in Literatur, Projekte

Christine Thürmer: Weite Wege wandern. Malik, München 2020. ISBN: 978-3-89029-525-1, 285 Seiten

Weniger Literatur, mehr ein Ratgeber und spannender Bericht ist dieses Buch von DER Expertin fürs Langstreckenwandern.

Nun, alleine aufgrund dieses Rufs habe ich mir dieses Buch nicht gekauft, vielmehr wollte ich mehr erfahren über interessante, lange Wanderwege, wie man sich vorbereitet und welche Erlebnisse man währenddessen haben kann.

Die Autorin ist nach eigenen Angaben schon 45.000 Kilometer gewandert und vermag mit ihrer Sichtweise und Berichten gute Tipps und Hinweise zu geben. Für mich sprang auch noch eine gute Portion Inspiration und Motivation dabei heraus.

Zu vielen Aspekten bekommt man hier Hinweise, nicht zuletzt über die mentale Komponente des Weitwanderns. Eine solide Betrachtung über die Ausrüstung sowie den Sinn und Unsinn einzelner Dinge war für mich ein wichtiger Punkt.

Das Buch ist trotz der vielen Themen flüssig lesbar, davon würde ich auch noch gerne mehr lesen.

Auch wenn ich mich in Deutschland nicht auf Ultra-Leicht-Wandern mit wildem Übernachten einlassen werde, so konnte mir die Autorin doch eine neue Sichtweise auf das Wandern mit leichtem Gepäck vermitteln und mich motivieren, auch selbst wieder mehr und längere Strecken zu wandern. Man muss nicht immer zu den Traumzielen wie dem Appalachian Trail, auch hier gibt es wunderbare Fernwanderwege!

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Philip K. Dick: The man in the high castle - Das Orakel vom Berge

Geschrieben von Ralph Troppmann am Sonntag, 4. September 2022 in Literatur

Philip K. Dick: The man in the high castle - Das Orakel vom Berge. Fischer, Frankfurt 2017 (1962). ISBN 978-3-596-29841-9, 271 Seiten

Dieser Klassiker der Science Fiction Literatur von Philip K. Dick hat in den letzten Jahren wieder an Aufmerksamkeit gewonnen, geschuldet der gleichnamigen Verfilmung als Amazon-Serie.

Das Szenario ist ungewohnt - Deutschland und Japan haben den zweiten Weltkrieg gewonnen, die ehemaligen Vereinigten Staaten von Amerika sind bis auf einen neutralen Streifen um die Rocky Mountains von Japan im Westen bzw. Deutschland im Osten regiert. Durch technische Fortschritte sind weltweite Reisen in kurzer Zeit möglich, auch ein ausgedehntes Raumfahrtprogramm existiert. Andererseits erscheint das Leben rückständig, was einerseits am verbreitet geschilderten Rassismus liegt, andererseits muss man natürlich den Entstehungszeitpunkt des Romans in den 1960ern berücksichtigen.

Im Roman werden einige Handlungsstränge verwoben. Es geht um politische Intrigen, die durch den Tod des Reichskanzlers Bormann noch angeheizt werden. Aber auch der florierende Handel mit gefälschten amerikanischen Sammlerstücken wie zum Beispiel Waffen aus der Zeit des Bürgerkriegs an japanische Sammler ist ein Thema. Und immer wieder spielt das japanische Orakel I Ging ein Rolle, das sowohl von den Amerikanern, wie auch den japanischen Besatzern verwendet wird. Titelgeber des Romans ist ein Autor, der ein Buch geschrieben hat, das von einer alternativen Realität handelt und in der die Deutschen und Japaner den Krieg verloren hätten. Natürlich ist dieses Buch im deutschen Machtraum verboten, daher wohnt der Autor angeblich in einer stark gesicherten Bergfestung.\
Als sich einige der handelnden Personen aus unterschiedlichen Motiven zu ihm aufmachen, gibt es einige Überraschungen.

Auch wenn das Buch schon ziemlich alt ist, so sind aus meiner Sicht die Themen zeitlos und daher auch heute noch gut zu lesen. Gerade die "verkehrte Welt" finde ich sehr reizvoll, die verschiedenen Handlungsstränge erhalten die Spannung. 

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Brian W. Aldiss: Graubart

Geschrieben von Ralph Troppmann am Sonntag, 4. September 2022 in Literatur

Brian W. Aldiss: Graubart. Heyne, München 1989 (1964). ISBN 3-453-03449-X, 299 Seiten

Mal wieder ein Klassiker, leider nur noch gebraucht bzw. antiquarisch erhältlich oder als eBook, da habe ich es auch schon gesehen. Die Geschichte spielt in einer Zeit Ende des 20. Jahrhunderts, doch auch wenn manches schon etwas angestaubt klingt, das Geschehen ließe sich auch in die aktuelle Zeit übertragen.

So ab den 1960er Jahren wurden zunehmend Versuche mit Atombomben unternommen, die irgendwann bei Explosionen im erdnahen Raum zu einer Störung führte. Der Schutz der Erdoberfläche vor gefährlichen Strahlen brach zusammen und die Menschen wurden zeitweise hohen Strahlendosen ausgesetzt. Nach einiger Zeit wird bekannt, dass plötzlich keine Kinder mehr geboren werden. Die Erkenntnis führt auf manchen Gebieten zu Aktionismus, nach und nach brechen das Wirtschaftssystem und die Gesellschaft zusammen. Die Überlebenden bewohnen kleine abgelegene Orte und organisieren sich selbst. Einer der Helden der Erzählung gehört mit seinem Alter um die 60 zu den jüngsten Menschen, dementsprechend gibt es ganz andere Probleme als wir aus unserem Leben gewohnt sind.

Doch es halten sich Gerüchte, dass doch hin und wieder mal ein Kind auf die Welt kommen soll.

Die Geschichte finde ich durchaus interessant, auch wenn ich ursächliche Atomszenario eher ins letzte Jahrtausend einordnen würde. Doch aufgrund anderer weltweiter Katastrophen kann man sich durchaus auch einmal die Frage stellen, was wäre wenn? Das schätze ich übrigens so sehr an den "alten" SciFi-Klassikern - sie sind trotz ihres Alters oftmals zeitlos visionär und der besondere Charme der damaligen Formulierungen trägt zur Stimmung bei.

Wer das Buch irgendwo findet, mag gerne zugreifen, ich kann es empfehlen.

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Greg Bear: Äon

Geschrieben von Ralph Troppmann am Sonntag, 4. September 2022 in Literatur

Greg Bear: Äon. Heyne, München 2013 (1985). ISBN 978-3-453-53448-3, 654 Seiten

Dieses schon etwas ältere Werk hat für mich besondere Reize: zum einen behandelt es ein technisch-wissenschaftlich interessantes Konzept und zum anderen überträgt es die ideologischen Anschauungen des kalten Krieges in ein futuristisches Umfeld. Beides, finde ich, ist dem Autor gut gelungen. 

In der Geschichte geht es um ein Objekt im Weltraum, das die Erde umkreis. Eine Weltraummission bringt die Erkenntnis, dass das Objekt ein großer Felsbrocken ist, die künstlich ausgehöhlt ist. Nach kurzer Zeit stellt sich heraus, dass die Größe der hintersten Höhle weit über die Außenmaße des Felsbrockens hinausgeht.

Während der Fels erforscht wird, kommt es auf der Erde zu politischen Spannungen. In dieser Zeit wird Patricia zu dem Objekt gebracht, um in einer besonderen Mission sehr geheime Dinge herauszufinden, die mit zukünftigen Ereignissen zu tun haben. \
In den anderen Höhlen finden sich viele futuristische Einrichtungen, darunter auch einige Bibliotheken. Erforscht wird das Objekt durch Wissenschaftler der damaligen Blöcke USA und Sowjetunion, die Konflikte der Erde treten auch hier im Kleinen auf.

Das Buch fand ich recht spannend zu lesen, ich habe auch immer Versucht, das Geheimnis hinter dem Objekt und seiner Entstehung zu ergründen. Die geschilderten Konflikte muss man im Kontext des kalten Krieges verstehen, jüngeren Lesern fehlt hier möglicherweise etwas der Zusammenhang. Auch die Ergründung der viel zu großen Höhle ist interessant, auch das, worauf die Forscher stoßen.

Lediglich gegen Ende hat mich der Autor etwas abgehängt, das habe ich nicht ganz verstanden und werde das Buch vielleicht irgendwann in ein paar Jahren nochmal lesen.

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John Niven: Die F#ck-it Liste

Geschrieben von Ralph Troppmann am Donnerstag, 4. August 2022 in Literatur

John Niven: Die F#ck-it Liste. Heyne, München 2022 (2020). ISBN 978-3-453-67744-9, 317 Seiten

Ein wunderbarer, bitterböser und doch irgendwie menschlicher Roman!
Das Leben hat Frank Brill übel mitgespielt: er lebt allein, seine (Ex-)Frauen und Kinder sind tot, dem Alkohol erlegen, bei Amokläufen erschossen. Frisch im Ruhestand erhält er nun auch noch die Diagnose Krebs, hat nur noch wenige Wochen zu leben.
Er könnte sich durch eine Therapie kämpfen, nur um ein paar Tage mehr zu leben. Doch er entscheidet sich für einen anderen Weg: wenn er schon abtreten muss, dann will er noch ein paar von denen mitnehmen, die aus seiner Sicht am Tod ihm nahestehender Menschen verantwortlich sind. Ein Pädophiler zum Beispiel, ein Ehebetrüger oder jemand, der durch den freizügigen Waffenhandel Amokläufe erst möglich macht.
So beginnt eine Reise quer durch die USA (die zur Zeit übrigens gerade von Ivanka Trump regiert wird) um die Namen auf der Liste nach und nach 'abzuarbeiten'. Verfolgt wird er von einem Polizisten, der als Freund des ersten Opfers und gleichzeitigem glühendem Trump-Verehrer Frank zur Strecke bringen will.
Die Geschichte ist, trotz der ernsten Themen, aus meiner Sicht grandios trocken und gleichzeitig humorvoll geschrieben. Frank wirkt so herrlich aus der Zeit gefallen und gleichzeitig so authentisch, dass ich mich sofort mit ihm identifizieren konnte. Seine Ziele sind nachvollziehbar ausgewählt, die Geschichten dazu erfährt man im Verlauf der Reise. Trotz seiner Mordabsichten kann man Frank eigentlich nicht als bösen alten Mann bezeichnen.
Das Ende entwickelt sich rasant und gipfelt in einem würdigen und ebenso humorvollen Finale - ein klasse Roman, der durch die Zeichnung der US-Gesellschaft in einer möglichen nahen Zukunft auch zum Nachdenken anregt.

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Samantha Devin: Arcadia

Geschrieben von Ralph Troppmann am Samstag, 11. Juni 2022 in Literatur

Samantha Devin: Arcadia. Bastei Lübbe, Köln 2008 (2006). ISBN 978-3-404-16438-7, 461 Seiten

Ein Titel, der neugierig macht und je nach Vorbildung oder Suchmaschineneinsatz eine gewisse Erwartungshaltung setzt, hinsichtlich des Ausspruchs 'et in arcadia ego' beziehungsweise Arcadia insgesamt. Man findet etwas zu Gemälden und Texten, die mit dem Paradies, aber auch dem Tod zu tun haben. Ob die Autorin dem gerecht wird?

Die Schriftstellerin Julia wird durch einen mysteriösen, nächtlichen Telefonanruf mit dem oben genannten Ausspruch auf einen Mordfall aufmerksam, der vor einigen Jahren für Aufsehen sorgte. Eine Mutter hatte ihre beiden Kinder unter ungewöhnlichen Umständen getötet, wobei das Mädchen tatsächlich starb, der Sohn auf wundersame Weise schließlich doch überlebte. Da Julia gerade sowieso irgendwie nach einem Sinn in ihrem Leben sucht, recherchiert sie unter dem Vorwand weiter, einen Roman schreiben zu wollen. Nach kurzer Suche trifft sie Daniel, den überlebenden Jungen von damals, der als 16-jähriger andere Menschen nicht nur durch seine Begabung als Schauspieler verzaubert.

Daniel ist in der Obhut von Raymond, der mit seinem Reichtum Jugendlichen außerhalb der Gesellschaft ein Heim bietet. Julia trifft irgendwann auch auf Charles, einen Polizisten, den sie von früher in unangenehmer Erinnerung hat.

Die Ereignisse lassen die Hintergründe anfangs im Dunkeln, doch durch die zunehmende Nähe von Julia zu Daniel und Raymond, aber auch Charles entsteht eine spannungsgeladene Geschichte, die auch über das zurückliegende Verbrechen und Julias eigene Geschichte immer mehr eröffnet.

Die Einstufung als Thriller ist sehr treffend, die schnelle Folge und oftmals überraschenden Wendungen machen es schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Zu viel will ich hier gar nicht verraten.

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Naoki Urasawa: Monster

Geschrieben von Ralph Troppmann am Samstag, 21. Mai 2022 in Literatur

Naoki Urasawa: Monster - Band 1. Carlsen, Hamburg 2019. ISBN 978-3-551-73715-1, 422 Seiten

Diesen besonderen Manga-Band der Perfect-Edition hatte ich von einem 1E9-Kollegen erhalten, der kürzlich darüber ein Interview mit dem deutschen Verlag Carlsen geführt hatte (https://www.j-big.de/carlsen-verlag-manga-waechst-in-deutschland-und-wir-sehen-hierzulande-noch-viel-potenzial/). Ich fand das interessant und wollte mir das auch einmal ansehen, hatte ich doch bisher Mangas nicht wirklich ernst genommen.

Kann man überhaupt ein Manga rezensieren? Schließlich handelt es sich doch grundsätzlich erst einmal um einen gezeichneten Comic mit vergleichsweise wenig Text. Doch das vorliegende Exemplar unterscheidet sich schon durch die Art der grafischen Darstellung und vor allem die Ernsthaftigkeit des Inhalts von kurzen Comic-Strips a`la Dilbert oder Mickey Maus.

Zuerst fällt dem uneingeweihten Leser auf, dass auch die übersetzten Mangas wie die japanischen Originale von hinten nach vorne und von rechts oben nach links unten zu lesen sind. Daran gewöhnt man sich aber schnell, nur anfangs habe ich die Reihenfolge der Kästchen manchmal durcheinandergebracht. Die Zeichnungen finde ich durchweg gut gelungen, sie sind bis auf ganz kurze Farbabschnitte in schwarz-weiß. Geräusche werden Comic-typisch als Tap-Tap, Beep oder Womp wiedergegeben.

Held der Handlung ist der Japaner Dr. Kenzo Tenma, der als Neurochirurg an einer Düsseldorfer Klinik arbeitet. Als aufstrebender Arzt und herausragender Experte auf seinem Gebiet wird er vom Klinikchef gefördert und ist auch mit dessen Tochter Eva liiert.
Als er einen durch einen Schuss in den Kopf schwer verwundeten Jungen, dessen Familie aus der DDR geflohen war, operieren will, bekommt er vom Klinikchef eine neue Anweisung. Der Bürgermeister der Stadt wurde eingeliefert und soll von Dr. Tenma operiert werden, er sei für das Image der Klinik viel wichtiger. Kenzo hingegen entscheidet, den Jungen Johann zu operieren und rettet ihm dadurch das Leben. Der Bürgermeister wurde von einem Kollegen behandelt und verstarb. Dadurch fällt Kenzo beim Klinikchef in Ungnade, seine Tochter trennt sich von ihm und macht sich an den neuen Star unter den Ärzten heran.
An der Situation zeigt sich eine gewisse plakative Darstellung, die sich durch das ganze Buch hindurchzieht. Das halte ich für ein integrales Stilmittel, das man mögen muss.

In der Folge kommt es, neben dem Mord an den Eltern von Johann, bei der der Junge verletzt wurde und seine Zwillingsschwester einen Schock erlitt, zu weiteren Todesfällen. So werden der Klinikchef und zwei weitere Ärzte vergiftet. In Anbetracht der Umstände fällt natürlich ein Verdacht auf Kenzo, der aber mangels Beweisen folgenlos bleibt.

Mehrere Jahre später, Kenzo arbeitet inzwischen an einer anderen Klinik, holt ihn die Geschichte wieder ein. Über einen anderen Patienten kommt er wieder in Kontakt zu Johann und es entwickelt sich ein Plot um Psychopathie und weitere Morde.

Insgesamt bin ich hin- und hergerissen: einerseits beginnt eine durchaus spannende Geschichte, andererseits bin ich mit dem grafischen Erzählstil noch nicht so ganz warm geworden. Auch finde ich den Stil manchmal etwas plakativ, etwa den Verlust des Status nach Widerspruch gegen den Chef. Viele Figuren sind überzeichnet, etwa der Kriminalbeamte mit dem unfehlbaren Gedächtnis oder der ungepflegte Journalist auf der Suche nach der Wahrheit. Aber das gehört vermutlich zum Stil der Reihe dazu, man muss die Charaktere ja mit nur wenigen Worten beschrieben haben.
Ich denke, ich werde mir den nächsten Teil auch noch besorgen und dann entscheiden, ob ich das weiter verfolge. Da Mangas mittlerweile auch in vielen klassischen Buchläden ein eigenes Regal bekommen haben, werde ich da auch mal nach einem weiteren Buch mit einem anderen Thema suchen.

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Hervé le Tellier: Die Anomalie

Geschrieben von Ralph Troppmann am Donnerstag, 21. April 2022 in Literatur

Hervé le Tellier: Die Anomalie. Rohwolt, Hamburg 2021. ISBN 978-3-498-00258-9, 345 Seiten

Der Titel beschreibt den Kern der Handlung sehr genau, der Autor beschreibt eine Anomalie. Beginnend mit einigen Szenen aus dem Leben der Hauptpersonen führt die Handlung zu dem eigentlichen Problem: ein Flugzeug versucht nach einer Atlantiküberquerung in den USA zu landen. Doch diese wird verweigert, das Flugzeug auf eine Militärbasis umgeleitet.
Es stellt sich heraus, das exakt das selbe Flugzeug mit exakt den selben Menschen an Bord bereits vor einigen Monaten schon einmal gelandet war. Beide Flüge hatten mit einem starken Wetterphänomen zu kämpfen.
Da die Amerikaner nach 9-11 gerne vorbereitet sind, gibt es auch für diese Situation eine Vorgehensweise: Protokoll 42.
Die beiden Urheber, zwei Wissenschaftler, hatten seinerzeit den Auftrag, alle möglichen Abweichungen und Probleme vorab zu durchdenken und dafür Leitfäden zu entwickeln. Dumm nur, dass sie solch extrem unwahrscheinlichen Vorfälle nicht ernst genommen hatten und daher das Protokoll 42 eher ein an den Hitchhiker angelehnter Witz ist...
Wie auch immer, ein riesiger Stab an Spezialisten versucht, dem Phänomen auf den Grund zu gehen. Die Passagiere bleiben isoliert, gleichzeitig sucht man die "Doppelgänger" und bringt sie aus die Militärbasis.
Hier entstehen erste Ideen, was die Ursache der Anomalie sein könnte und die Menschen werden mit ihrem zweiten Ich zusammengebracht. Für das Weiterleben entstehen ganz eigene Fragen, etwa wenn einer der beiden bereits verstorben ist oder zwei Mütter das selbe Kind haben.
Die Story ist aus meiner Sicht ganz gut ausgearbeitet, viele der Situationen sind gut nachvollziehbar. Eine Prise Humor kommt auch nicht zu kurz, sogar eine kleine Romanze hat der Autor eingebaut.
Das Buch liest sich gut, da die Anomalie nicht wirklich aufgelöst wird, kann man seine eigene Fantasie spielen lassen.

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James Corey: The Expanse: Leviathan erwacht

Geschrieben von Ralph Troppmann am Mittwoch, 20. April 2022 in Literatur

James Corey: The Expanse: Leviathan erwacht. Heyne, München 2017. ISBN 978-3-453-31781-9, 671 Seiten
James S.A. Corey: Leviathan Wakes. Orbit, London 2011. ISBN 978-1-84149-989-5, 561 pages

Hoppla, es ist schon wieder passiert: das Buch hatte ich mir im Sale eines Gebraucht-Buch-Händlers mitbestellt, da sich der Klappentext interessant las. Nach so 200 Seiten kam mir aber die Geschichte irgendwie vertraut vor. Tatsächlich, vor gut 10 Jahren hatte ich mir in England das Original bereits mitgenommen und gelesen...
Da die Geschichte aber auch auf Deutsch gut ist, habe ich es trotzdem nochmal gelesen und mir die weiteren Teile auch noch vorgenommen.

Worum geht es?
Die Handlung spielt in der Zukunft, der Mond und Mars sind besiedelt und  auch im Asteroidengürtel leben Millionen von Menschen, vor allem, um dort Rohstoffe abzubauen.
Jim Holden, der erste Offizier eines Eis-Frachters, ist mit seinem Schiff unterwegs, um eine der Kolonien mit Wasser zu versorgen. Unterwegs empfangen sie einen Notruf, dem sie nachgehen. Das Schiff, das den Notruf aussendete, ist verlassen. Jim kommt auch die Quelle des Notrufs komisch vor, wie der erfahrene SciFi-Leser bereits vermutet, handelt es sich um eine Falle! Die Crew seines Shuttles überlebt, im Gegensatz zum Eis-Frachter mit seiner Besatzung.

Parallel spiel Detective Miller eine tragende Rolle, er ist beim Sicherheitsdienst auf einem Asteroiden und bekommt die Aufgabe, eine Person (Julie) zu suchen. Bei seinen Nachforschungen deckt er Teile einer großangelegten Verschwörung auf. Im Verlauf der Geschichte stoßen Miller und Holden aufeinander, da sie die Zusammenhänge jeweils von ihrer Seite aus verfolgen. Im Verlauf nimmt die Dimension der Verschwörung immer mehr zu und es kommt zu kriegerischen Handlungen zwischen Erde, Mars und dem Asteroidengürtel.

Am Ende zeigt sich das ganze, ungeheure Ausmaß und sowohl Holden als auch Miller müssen schwerwiegende Entscheidungen treffen.

Die Story ist gut lesbar und durch einige Wendungen und Überraschungen auch wirklich spannend. Die Charaktere haben ihre Eigenheiten und durchleben aufgrund der dramatischen Ereignisse eine Entwicklung.
Ich kann das Buch empfehlen und bin gespannt auf die folgenden Bände.

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Chris Hadfield: The Apollo murders

Geschrieben von Ralph Troppmann am Sonntag, 6. März 2022 in Literatur

Chris Hadfield: The Apollo murders. Quercus, London 2021. ISBN 978-1-52940-682-5, 470 Seiten

Der Rückentext lässt hoffen: ein Roman, geschrieben von einem echten Astronauten, über einen der Apollo-Mondflüge. Die Pressestimmen dazu waren positiv, also "ran ans Werk".

Der Roman spielt in den 1970er Jahren, auf der Erde beherrscht der kalte Krieg die beiden Supermächte und im Weltraum wird dieser im Streben nach wissenschaftlichen Erkenntnissen und Dominanz fortgeführt. Die Amerikaner waren mit den Apollo-Mondlandungen erfolgreich, die Sowjets mit unbemannten Sonden wie Lunokhod. Aber auch die beginnende Verlagerung der gegenseitigen Spionageflüge auf Satelliten im Weltraum findet zu dieser Zeit statt.

In dieser Situation erleben wir die Vorbereitungen für die letzte Apollo-Mission (Nummer 18), die sich recht schnell als militärische Mission herauskristallisiert. Denn Geheimdienstberichten zufolge haben die Sowjets einen neuen Satelliten gestartet, der bald in Dienst gestellt werden soll und dadurch die geheimen Aktivitäten der Amerikaner bedroht. Bei den Vorbereitungen zum Flug kommt es zu einem tragischen Unfall, wodurch der Kommandant der Ersatzcrew die Chance auf den Raumflug hat. Da die Amerikaner in dem neuen Satelliten eine Bedrohung sehen, sollen die Astronauten diesen auf dem Flug zum Mond außer Gefecht setzen.

Parallel erfahren wir von den Aktivitäten der Russen, die natürlich genauestens den Flug und dessen Vorbereitungen verfolgen. Gleichzeitig machen sie mit dem Rover Lunokhod eine wichtige Entdeckung. Und irgendeine geheimnisvolle Operation wird vorbereitet, die auf einen Spion in den amerikanischen Reihen schließen lässt.

Ab dem Start der Apollo 18 beginnt sich ein rasantes Spiel zu entwickeln. Der kurze Abstecher zum russischen Satelliten entwickelt sich dramatisch anders als geplant. Auf dem weiteren Flug zum Mond kommt es zu weiteren, überraschenden Entwicklungen und auf dem Mond gipfelt die Situation zu einem weiteren Kräftemessen zwischen den Supermächten.

Bei der Rückkehr zur Erde und der Landung im Pazifik kommt es schließlich zum Showdown, bei dem ich zugegeben mittlerweile etwas ausgestiegen bin. Da sind nach meinem Geschmack dem Autor die Handlungsfäden etwas arg in die Agententhriller dieser Zeit abgeglitten.
Daher betrachte ich diesen Roman auch eher als Thriller, denn als Science Fiction Roman. Zugutezuhalten ist dem Autor die fundierte Kenntnis von dem worüber er schreibt. Insgesamt finde ich es aber etwas schade, dass ich nicht immer die Grenze zwischen historischer Realität und Fiktion erkennen konnte, gerade die Ausführungen über das Apollo-Programm fand ich interessant. Trotzdem ein spannendes Buch!

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Moritz Heger: Aus der Mitte des Sees

Geschrieben von Ralph Troppmann am Sonntag, 6. März 2022 in Literatur

Moritz Heger: Aus der Mitte des Sees. Diogenes, Zürich 2021. ISBN 978-3-257-07146-7, 245 Seiten

Zwischen all den actiongeladenen und epischen Erzählungen und Dystopien tut es gut, auch mal etwas stilles, unaufgeregtes zu lesen. Und genau das sind auch die beiden Attribute, mit denen ich Kollegen und Freunden dieses Büchlein beschrieb: still und unaufgeregt.

Ort der Handlung ist eine Abtei der Benediktinier, Hauptperson der Handlung ist Lukas. Wobei Handlung hier beinahe ein etwas übertriebener Begriff ist, liest man doch viel über Eindrücke und Gedanken. Die beiden wichtigsten Orte sind die Abtei und ein nahe gelegener See, an dem Lukas beinahe täglich schwimmen geht. Dort denkt er auch über das Leben, seine Mitbrüder und auch seinen gleichaltrigen, ehemaligen Freund nach, der vor einiger Zeit das Kloster verlassen hat, um eine Familie zu gründen. Gerade mit diesem befindet es sich anfangs im gedanklichen Dialog.

Eine junge Frau besucht irgendwann das Kloster und zwischen den beiden entspinnt sich ein oftmals nur gedanklich geführter Austausch, der in Lukas zu einer gewissen Veränderung führt, die sich am Ende sogar auf die Zukunft des Klosters auswirkt.

Wie erwähnt, beschränkt sich die Handlung weitgehend auf Spaziergänge, Schwimmen im See und Abläufe im Kloster. Lukas spricht häufig nur in seinen Gedanken mit anderen, insgesamt hat das etwas sehr beruhigendes, wie ich finde. Die Geschichte hat dennoch eine Entwicklung, die am Ende sogar recht überraschende Früchte trägt, aber stets in einer so ruhigen Art geschildert wird, dass es selbst bei mir nicht zu einem verwunderten Ausruf führte - anders, als wenn ich in wenigen kurzen Sätzen den Inhalt zusammengefasst bekommen hätte.

Ein entspannendes Buch, um zwischendurch mal etwas zur Ruhe zu kommen und um vielleicht auch einmal zu versuchen, in die Gedankenwelt eines besonderen Menschen zu schlüpfen. Es wird vielleicht nicht jeder oder jedem gefallen, ich fand es jedenfalls lesenswert.

 

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